NEW HAMBURG Festival 2014

NEW HAMBURG AKADEMIE: DER ERSTE BLICK

1976 erschien das heute noch experimentell anmutende Buchprojekt „Arbeitsmigranten“ von John Berger und Jean Mohr. Paradigmatisch beschrieben sie darin die sozialen und ästhetischen Herausforderungen, die die Arbeitsmigration – noch heute – darstellt. Weder die Soziologie, der die Artikulationsweise des Buches zu poetisch und brüchig war, noch die Kunst, der die Arbeit zu sozialpolitisch vorkam, vermochte den zentralen Ansatz Bergers und Mohrs zu begreifen: den – immer wieder – ersten Blick. Diesen ersten Blick auf die postmigrantische Situation auf der Veddel wollen wir mit ExpertInnen und lokalen AkteurInnen vor Ort besprechen. ExpertInnen sind eingeladen, einen oder mehrere Tage auf der Veddel zu verbringen und ihren theoretischen Blick auf den Stadtteil zu richten, um am darauffolgenden Tag mit lokalen AkteurInnen über ihre Beobachtungen öffentlich zu diskutieren.

PROJEKTLEITUNG Dr. Vassilis S. Tsianos ASSISTENZ Aida Ibrahim RECHERCHEASSISTENZ Aida Ibrahim, Andreas Jasiulek, Umut Ibis

 

NEW HAMBURG AKADEMIE: DAS NEUE LERNEN

Eine NEW HAMBURG-Schule ist die Schule der postmigrantischen Gesellschaft, also eine Schule ohne Diskriminierung. Die Schule ist mehr als eine lokale Bildungsinstitution, sie ist ein Lern- und Gestaltungslabor für die Herausforderungen der städtischen Migrationsgesellschaft. Das bedeutet eine Schule, in der Lernen in und für eine offensive Willkommenskultur kreiert wird, eine Schule, in der proaktive Antidiskriminierungsarbeit geleistet wird. Und die neue Erinnerungskultur der NEW HAMBURGER wird selbstverständlich exponiert.

MIT Ines Fögen (Institut für Migration und Rassismusforschung IMIR), Prof. Dr. Anita Kalpaka (Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW), Hiltrud Kneuer (Schulleiterin der Schule auf der Veddel), Natassa Panagiotidis (Pädagogin), Vertreterin des Elternrats der Schule auf der Veddel

TERMIN: DO 9/10, 19 UHR
ORT: IMMANUELKIRCHE
EINTRITT FREI

 

NEW HAMBURG AKADEMIE: POSTSÄKULARES LEBEN

Postmigrantische Gesellschaften sind postsäkulare, städtische Gesellschaften. Postsäkulares Leben in NEW HAMBURG bedeutet, die gelebte Spiritualität der NEW HAMBURGERINNEN anzuerkennen und die Chancen der Diaspora zu nutzen. Postsäkulares Leben auf der Veddel beansprucht das Recht auf Differenz ohne „Moscheekonflikt“ und antimuslimischen Rassismus.

MIT Daniel Abdin (Rat norddeutscher Muslime e.V.), Dr. Riem Spielhaus (Islamwissenschaften, Uni Erlangen), Ahmet Yazici (Centrum Moschee), Zeki Yazici (Islamische Gemeinde Veddel e.V.)

TERMIN: DO 16/10, 19 UHR
ORT: IMMANUELKIRCHE
EINTRITT FREI

 

NEW HAMBURG AKADEMIE: DAS UNSICHTBARE WOHNEN UND LEBEN AUF DER VEDDEL

Eine gelungene postmigrantische Gesellschaft ist eine städtische Migrationsgesellschaft ohne Segregation und Gentrifizierung. Doch auch in NEW HAMBURG gibt es unsichtbare Territorien. Die BewohnerInnen der verschiedenen Wohnblocks werden zu Opfern von lukrativen Geschäftsmodellen ihrer VermieterInnen oder geraten in eine marginale Unsichtbarkeit wie die Veddeler Flüchtlingsunterkunft „An der Hafenbahn“. NEW HAMBURG konnte eine kollaborative Untersuchung zu marginalem Wohnen und Leben auf der Veddel in Gang setzen.

MIT Peter Bremme (Verdi Hamburg), Prof. Dr. Barbara Wolbert (Europa-Universität Viadrina), Dr. Serhat Karakayali (Humboldt Universität Berlin), Christoph Twickel (Journalist) UND BewohnerInnen der Wohnunterkunft „An der Hafenbahn“

TERMIN: MI 22/10, 19 UHR
ORT: IMMANUELKIRCHE
EINTRITT FREI

 

ABEND DER ERINNERUNG
NEW HAMBURG AKADEMIE SPEZIAL: DER ERSTE BLICK

Eine Performance aus Rückschau, Bildern und Filmen

Mit ihrer außergewöhnlichen Text-/Bild-/Ausstellungsarbeit “Arbeitsmigranten. Erfahrungen, Bilder, Analysen” plädierten Jean Mohr und John Berger 1976 für Experiment, Visualität und Metaphorik in der Beschreibung der Arbeitsmigration. Zugleich verzichteten sie aber nicht auf eine nützliche Mahnung, was die Grenzen davon angeht: „Die Sprache der ökonomischen Theorie“, schreibt Berger, „ist notwendig abstrakt. Daher brauchen wir, wenn wir die Faktoren, die das Leben des Emigranten bestimmen, begreifen und als Teil seines persönlichen Schicksals erkennen wollen, eine weniger abstrakte Formulierung. Wir brauchen die Metapher. Die Metapher ist ein Behelf. Sie ersetzt nicht die Theorie.“ (Berger/ Mohr 1975, 41.) Wenn Metapher der Behelf des ersten Blicks auf Migration in der GastarbeiterInnen-Ära war, gilt es ihn heute mit einem anderen Behelf zu denken: als einen immer wieder ersten Blick der neuen HamburgerInnen. Erinnerte Migration ist keine Herkunftsnostalgie, sondern das Wissen um eine andere politische Melodie. Eine, die die kalte Ankunft im Hamburger Hauptbahnhof, die verachtenden Blicke der First-Contact-Deutschen am Transitbahnsteig gemeinsam erinnert, ohne die Wut zu normalisieren.
DER ERSTE BLICK ist ein audiovisueller und textlicher Materialkorpus von Narrativen und Erinnerungen der Migration.

VON Brigitta Küster, Angela Melitopoulos, Dr. Vassilis S. Tsianos
KOMMENTAR Prof. Dr. Barbara Wolbert

TERMIN: DO 23/10, 19 UHR
ORT: IMMANUELKIRCHE